Interview: Was ist außen, was ist innen?
Furtwangen, Januar 2013
Gabriele Siedle im Gespräch mit Nikolaus Kuhnert

Über Phänomene des Übergangs sprach ARCH+-Chefredakteur Nikolaus Kuhnert mit Gabriele Siedle.


Nikolaus Kuhnert: Frau Siedle, uns verbindet eine alte Liebe, und zwar die zur Schwelle. Es geht dabei um meist unbeachtete Übergangsphänomene, seien sie räumlich-architektonischer oder gesellschaftlich-kultureller Art. Implizit immer auch um das Regime der Kontrolle, um Inklusion oder Exklusion, um das Verhältnis zwischen Sicherheit und Zugänglichkeit und letztendlich um das große Thema der Kommunikation.

Gabriele Siedle: Es gibt manchmal schicksalhafte Begegnungen, die man nicht planen kann. Denn gerade als wir miteinander ins Gespräch kamen, hatten wir bei Siedle beschlossen, dass wir uns stärker mit dem Thema befassen und als „Hüter der Schwelle“ verstehen wollten. Diese Positionierung habe ich vorangetrieben, um innerhalb und außerhalb des Unternehmens ein Bewusstsein für die kulturelle Dimension unserer Arbeit zu entwickeln. Wir wollten erfahren, welche kulturgeschichtliche Bedeutung die Schwelle besitzt und wie sie sich in Zukunft verändern wird.

Kuhnert: Was passiert, wenn sich durch die Digitalisierung sowohl die Rolle der Kommunikation als auch die der Schwelle massiv verändert hat? Denken wir nur an die Gegensprechanlage, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Heute sind wir in der Lage, von überall per Smartphone den Zugang zu kontrollieren.

Siedle: Das ist ja gerade das Wichtige und auch Interessante unserer Zusammenarbeit. Siedle hat eine technologische Basis geschaffen, die eigentlich alles ermöglicht. Das technische Know-how ersetzt aber nicht eine Unternehmensstrategie. Wir müssen uns vielmehr fragen, was der richtige Weg ist auf Basis dieser Technologie. Wo sieht die Gesellschaft die Schwelle der Zukunft? Fängt sie wirklich erst an der Tür an oder ist sie mehr in der Kommunikation zu sehen? Was ist außen, was innen, was ist privat, was öffentlich?

In diesem Kontext müssen wir die Diskussion über das Technische hinaus führen, denn die neuesten Technologien nützen mir nichts, wenn ich keine Ideen für Produkte habe, die auf der Höhe der Zeit sind. Inzwischen ist mit den ARCH+ features eine ganze Diskursreihe erwachsen, in der Architekten und Gestalter nicht nur über architektonische Schwellenräume, sondern auch Schwellen in der Gesellschaft und in der Städtebaupolitik gesprochen haben. Wir haben die Reihe bisher intensiv begleiten dürfen und ich kann sagen, dass sich weitaus mehr für uns ergeben hat, als ich zu hoffen gewagt hatte.

Kuhnert: Nehmen wir das Thema der Baugemeinschaft, denn an ihm lässt sich die Frage des Übergangs gut veranschaulichen. Dabei spielt nicht nur der klassische Übergangsraum zwischen Eingangstür und Straße eine Rolle, sondern in der Regel versuchen diese Gruppen ja den gemeinschaftlichen Anteil des Hauses auszubauen, was andere Schwellenräume nach sich zieht.

Siedle: In dem Zusammenhang hat die Auftaktveranstaltung mit BARarchitekten und ihrem Projekt in der Oderberger Straße bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Die Architekten haben sich intensiv mit der gesellschaftspolitischen Entwicklung in Ballungszentren wie Berlin auseinandergesetzt. Das erfordert neue Formen von Schwellenelementen, wie beispielsweise Briefkästen, die durch Codes zu öffnen sind, oder Aufbewahrungsfächer, die Lieferungen in Abwesenheit ermöglichen.

Kuhnert: Wir bewegen uns also von der alten Türschwelle zu Fragen der Organisation und der virtuellen Welt. Was gleich bleibt, ist das Sicherheitsbedürfnis der Menschen.

Siedle: Unsere Firma steht für Sicherheit und da müssen wir gewährleisten, dass unsere Produkte nur Befugten das Überschreiten der Schwelle erlauben. Dabei soll nicht die Technik den Menschen dominieren, das ist die große Herausforderung. Auch das haben wir bei der Veranstaltung in der St.-Agnes-Kirche von Arno Brandlhuber gelernt, der sagte, hört endlich auf, auf eine komplexe Technologie noch eins draufzusetzen. Auf unsere Arbeit übertragen hieße das: Besinnt euch wieder auf die Grundfunktionen. Wir können heute virtuelle und berührungslose Schwellen realisieren, aber in der Realität wollen die Menschen das vielleicht gar nicht. Sie wollen einfach eine Tür schließen.

Siedle und ARCH+
Seit 2009 haben Siedle und ARCH+ eine enge Kooperation aufgebaut, die aus dem gemeinsamen Interesse für die Architektur der Schwelle entstanden ist. Angefangen hat die Zusammenarbeit mit dem Schwellenatlas. Darin publizierte ARCH+ erstmals einen umfassenden Überblick über Schwellenelemente in der Architektur, der auf Forschungsergebnissen von Wissenschaftlern der ETH Zürich basierte. Seit 2010 beteiligt sich Siedle als Initiativpartner an der Diskursplattform ARCH+ features, mit der junge innovative Büros vorgestellt werden. Die Reihe bietet ARCH+ und Siedle die Möglichkeit, wichtige Themen anzusprechen und als Innovationstreiber zu agieren.
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